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26. Oktober 2003
KULTURELLES

Die "dunkle" Seite der Seele
Der Künstler Max Pohl aus Langen malt im "Dark Art"-Stil - Bilder finden Anklang in der Gothic-Szene.

Die blonde Schamanin auf Max Pohls neuestem Bild schwebt in ihrem Fellmantel über dem Boden, als wäre sie schwerelos. Sie gibt Zutaten in einen Messingtopf, der in der Mitte eines Funken sprühenden Feuers steht. Im dunklen Hintergrund ragen schlanke, übermannshohe keltische Stelen empor. Frauen als Verkörperung mythischer oder jenseitiger Traumwelten und Phantasien sind Hauptmotiv des Langener Malers.

Sie sind sinnliche Gespielinnen, übermütige Hexen, Vampire, traurige Engel, sie wirken mal kriegerisch, mal dominant: Frauenfiguren bevölkern die großformatigen, photorealistischen Acrylbilder des Malen Max Pohl. "Mit Frauenkörpern drücke ich mich aus, sie faszinieren mich", begründet der 48-Jährige seine Motivwahl. Zu seinen Vorbildern,, zählen Arnold Böcklin und Franz von
Stuck. Die beiden Symbolisten stellten an der Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert
in ihren Gemälden Bezüge zu mythischen oder religiösen Themen her. Pohl: "Ob es bei ihnen nun um Jahreszeiten oder Gefühle ging - oft waren Frauengestalten ihr Ausdrucksmittel."
"Dark-Art" ("Dunkle Kunst") nennt sich die exzentrische Akt-Kunstform, der sich Max Pohl seit den 90-er
Jahren verschrieben hat. Mehr als 100 Bilder hat er seitdem geschaffen. Das Interesse des ehemaligen Werbegestalten gilt der dunklen, abgründigen Seite der menschliche Seele: Traurigkeit, Angst, Sucht, Lust am Leiden, Unterwerfung, Tod sind seine Themen. So schauen die nackten Schönheiten mit den großen Engelsschwingen traurig in die Ferne Oder sie blicken, in Leder gekleidet, provozierend-zornig von den Leinwänden herab. Manche halten Urnen in der Hand oder sind mit Wunden bedeckt. Auch Pohls Beschäftigung mit der Hexenverfolgung und mit mittelalterlichen Riten haben künstlerischen Niederschlag gefunden: Neben dem Schamaninnen Motiv reitet ein Weib mit flatternden roten Haaren einem Ziegenbock über eine Wiese mit Fingerhut-Blüten.
 Malen baut Spannung ab
 "Ich produziere aus innerlicher Spannung heraus", erzählt der Künstler über den Schaffensprozess dieser Werke. "Wenn ich nicht ausgeglichen bin, fange ich an das in
Bildern auszudrücken, über die Leinwand baue ich meine seelische Spannung ab." Die
Bilder sind für Pohl wie ein Tagebuch: „Sie geben die innere Situation wieder, in denen ich mich während der Produktion befand.“ So ist das Malen zu seiner Passion geworden: "Irgendwann wird das zwanghaft: Ein, zwei Tage kann man aussetzen, dann muss man weitermachen", schmunzelt der gebürtige Bremerhavener. Neben den Gemälden entstehen auch schwarze Skulpturen aus Holz, Tierschädeln und Tierknochen. Sie symbolisieren Cernunnos, den keltischen Gott der Fruchtbarkeit, der Tiere und der Jagd. Die düsteren Motive wirken auf viele Betrachter schockierend, das Ist Max Pohl bewusst: "Die meisten Kunstinteressierten würden" höchstens die Maltechnik bewundern." Pohl hat für die Ablehnung eine Erklärung: "Die Bilder berühren verborgene Bereiche der Seele - vor allem Männer reagieren wütend, weil sie nicht an Gefühle erinnert werden wollen, die sie verdeckt halten möchten", glaubt der Maler. Dennoch hat Max Pohl ein Publikum für seine Kunst: die Gothic-Szene (siehe Text unten). Zuletzt stellte Pohl beim bundesweiten Wave-Gothic-Treffen in Leipzig aus.



BildText1: „Dark-Art“-Maler Max Pohl in seinem kleinen Atelier an der Leher Landstraße.


BildText2: Provozierender Blick: Max Pohls Proträt „Isabella“ enstand im Jahr 2001

Gothic-Szene
Für  Anhänger der "Gothic"-Szene sind die dunklen Seiten des Lebens faszinierend. Die Lust an einer gewissen Wehmut tragen sie nach außen: Ihre mitunter makabre Erscheinung - schwarze Kleidung, oft kombiniert mit blass geschminkten Gesichtern, fetischartigen Accessoires und christlichen oder heidnischen Symbolen - wirkt auf viele Menschen.. schockierend und blasphemisch.
Gothiçs, auch "Grufties" oder "Dark Waves" genannt, haben gegen Vorurteile zu kämpfen:
Sie sind als Satanisten, Knochen-Ausbuddler oder als dauerdepressive Todessüchtige verschrien. Auch die Versuche Rechtsradikaler, in der Szene Fuß zu fassen, haben für einen schlechten Ruf gesorgt. Gothics neigen dazu, ihre Gefühle zum Tod offener darzustellen als der Rest der Gesellschaft. Die Mitglieder dieser Subkultur eint jedoch in der Regel der durchaus lebensfrohe Versuch, sich gemeinsam mit Themen wie Einsamkeit und Todesnähe kritisch auseinanderzusetzen, um der Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens näher zu kommen- und nicht der Wunsch eines frühen Ablebens. Mit ihrem freiwilligen "Exil" abseits der "Normalos" distanzieren sich Grufties von der Spaßgesellschaft.
Was die Gothic-Szene vor allem verbindet, ist die Musik. Als Begründer der melancholischen Stilrichtung "Dark Wave" gelten Bands wie "Bauhaus", "The Cure" und "Sisters of Mercy", die Ende der 70-er und Anfang der 80-er Jahre über die Dunkel-Szene hinaus berühmt wurden. Heute haben auch deutsche Gruppen wie "Wolfsheim", "Lacrimosa" und "Das Ich" Bedeutung. Die Grenzen zur Popkultur sind gerade im musikalischen Bereich fließen& Die Musiker der finnischen Formation "Hirn", die mit ihrem Äußeren und in ihren Texten mit gothictypischer Düsternis kokettieren, sind unter den ersten 30 der offiziellen deutschen Media-Control-Charts notiert.